Ein Kuss von Béatrice (Sage femme)

  Freitag, 18. August 2017 - 20:30 bis - 22:40

Eintritt: 5,00 €


Frankreich 2017
Kinostart: 8. Juni 2017
117 Minuten
FSK:  ab 6; f

Regie/Drehbuch: Martin Provost
Kamera: Yves Cape
Musik: Grégoire Hetzel
Schnitt: Albertine Lastera

Darsteller:
Catherine Frot (Claire Breton), Catherine Deneuve (Béatrice Sobo), Olivier Gourmet (Paul Baron), Quentin Dolmaire (Simon), Mylène Demongeot (Rolande), Pauline Etienne (Cécile Amado), Pauline Parigot (Lucie), Marie Gili-Pierre (Evelyne), Audrey Dana (Chefin des modernen Krankenhauses), Jeanne Rosa (Elodie), Karidja Touré (Madame Naja), Jisca Kalvanda (Madame Werba)Pirzadeh
24 Bilder,  31.900 Zuschauer

 
Filmhomepage, EPD-FilmProgrammkino.de  


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Kurzkritik Filmdienst
Eine Hebamme Anfang 60, die ganz in ihrem Beruf aufgeht, lässt sich darauf ein, der früheren Geliebten ihres Vaters beizustehen, die nur noch wenige Monate zu leben hat. Der Umgang mit der mondänen Frau, die gut zehn Jahre älter als sie selbst ist, bewirkt, dass auch sie selbst mehr an ihr eigenes Glück zu denken wagt. Ein gelassen und mit leisem Humor erzähltes Drama um die Freundschaft zweier gegensätzlicher Frauen, sorgfältig in der Zeichnung der Sphären. Die beiden ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen tragen den Film souverän auch über seichtere Nebenstränge hinweg.
Ab 14.
Marius Nobach, FILMDIENST 2017/12

Trailer (112 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Die Tage der Geburtsklinik sind gezählt. Noch hängen Transparente an dem Gebäude, doch der Arbeitskampf der Beschäftigten ist bereits verloren. In wenigen Wochen wird die insolvente Klinik unwiderruflich geschlossen. Werdende Mütter müssen sich dann anderswo bei der Geburt helfen lassen; das Schicksal der Angestellten ist ungeklärt. Das gilt auch für die etwa 50-jährige Claire, die gleichwohl ihrer Arbeit als Hebamme so gewissenhaft wie immer nachgeht. Einfühlsam spricht sie verängstigten Schwangeren Mut zu und überwacht bei den Geburten die Krankenschwestern, besonders nachts, wenn mal wieder kein Arzt aufzutreiben ist.
Mit großer Detailgenauigkeit führt der französische Regisseur Martin Provost in den Arbeitsalltag der Hauptfigur ein. Claire ist hervorragend in dem, was sie tut; ihre Zurückhaltung und die Ignoranz der Gesellschaft aber verhindern, dass ihre Talente gebührend gewürdigt werden. Mit ihrer Bereitschaft, Rückschläge zu erdulden, trägt sie sogar selbst dazu bei, dass sich an ihrem Status nichts ändert; ein Zwiespalt, den die Figur mit früheren Protagonistinnen von Provost teilt, mit der Malerin in „Séraphine“ oder der Schriftstellerin in „Violette. Wie diese scheint auch Claire in besonderem Maße des Beistands eines anderen Menschen zu bedürfen, um im Leben einen Schritt nach vorne zu machen.

Doch zunächst ist Claire einmal mehr selbst gefordert: Nach 30 Jahren tritt unvermittelt eine Frau wieder in ihr Leben, die sie keineswegs gut in Erinnerung hat. Die mondäne Béatrice war schon immer eine Glücksspielerin, die schöne und teure Dinge schätzte und die Gesellschaft reicher Männer suchte – darunter auch Claires Vater, der sich nach Béatrices Verschwinden das Leben nahm. Dass Claire die väterliche Geliebte nie mit dieser Schuld konfrontieren konnte, mag ein Hauptgrund sein, dass sie sich auf ein Treffen mit der mittlerweile über 70-Jährigen einlässt. Béatrice aber überrumpelt sie mit einer unerwarteten Bitte: Wegen eines Hirntumors bleiben ihr nur noch wenige Monate zu leben, und mangels Freunden und eigener Familie droht ihr ein Lebensende in Einsamkeit. Béatrice lässt nicht locker, und so folgt Claire am Ende ihrer Natur: Sie steht der älteren Frau bei und nimmt sie sogar bei sich auf; im Gegenzug führt deren Laissez-faire-Haltung auch bei der zurückhaltenden Hebamme allmählich zu einem Auftauen und zu mehr Mut, im Leben auch mal ein Risiko einzugehen.

In der aufmerksamen, gelassenen Entfaltung dieser Frauenfreundschaft findet „Ein Kuss von Béatrice“ sein emotionales Zentrum und spielt filmisch seine Trumpfkarte aus. Provost lässt sich unvoreingenommen auf die gegensätzlichen Sphären ein, in denen sich seine Figuren bewegen, und zeichnet beide mit der gleichen Sorgfalt und Empathie. Claires Leben in ihrer kleinen Wohnung und dem liebevoll gehegten Garten an der Seine wird als bescheiden, aber durchaus erfüllend erfahrbar; dass sie mitunter allzu ruhelos wirkt, kontert der Film, indem er sich die ein oder andere entspannte lange Einstellung gönnt.

Ruhig bleibt er auch, wenn er Claires unvorteilhafte Arbeitsumstände zeigt; die Kritik am Zustand des französischen Gesundheitssystems ist stets sachlich, ohne Polemik, aber auch nie verharmlosend. Das ist durchaus vergleichbar mit dem, was Jean-Pierre und Luc Dardenne mit „Das unbekannte Mädchen“ gelang, ebenso wie die Authentizität der Hebammen-Szenen – die gezeigten Geburten sind real – an die Filme der Belgier erinnert.

Mit ihrer natürlichen Sanftheit erweist sich Catherine Frot als Idealbesetzung für Provosts Liebeserklärung an einen zunehmend aussterbenden Beruf und macht auch Claires langsame Wandlung durch ihr subtiles Spiel jederzeit glaubwürdig. An ihrer Seite findet auch Catherine Deneuve Gelegenheit, sich in einer maßgeschneiderten Rolle zu beweisen. Ihre in jüngster Zeit manchmal im Leeren schwebende Aura der Grande Dame ist hier optimal eingebettet: Béatrice hat stets majestätische Auftritte gepflegt und sich in der Verstellung geübt; selbst jetzt, älter, ärmer und gebrechlicher, hält sie noch daran fest und sucht die Bestätigung, dass sie mit ihrem Charme überall durchkommen kann. Zusammen tragen die Darstellerinnen den Film auch über einige seichtere Stellen hinweg, die sich dort auftun, wo sich der Plot von seinen Hauptfiguren entfernt: In Claires Beziehung zu ihrem erwachsenen Sohn und der Anbändelei mit ihrem Nachbar fällt eine Harmonieseligkeit auf, die als einziges erzählerisches Manko des Films erscheint. Obwohl sie verständlich ist: Im Bestreben, Claire und Béatrice Glück zuteil werden zu lassen, kann Provost sich der Sympathie des Zuschauers gewiss sein.

Marius Nobach, FILMDIENST 2017/12

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