Freitag, 12. September 2014 - 20:30
Ort: Kino achteinhalb
http://www.mister-may.de
Kategorien: Stefan, 2014, Tragikomoedie, Film, Archiv, Spielfilm, europaeischer Film
Treffer: 2263
Eintritt: 5,00 €
STILL LIFE
Komödie Großbritannien 2013
Kinostart. 4. September 2013
92 Minuten
FSK: ab 12 Jahren; feiertagsfrei
FBW - Prädikat: besonders wertvoll
Regie/Buch/Produktion: Uberto Pasolini
Kamera: Stefano Falivene
Musik: Rachel Portman
Schnitt: Tracy Granger, Gavin Buckley
Darsteller:
Eddie Marsan (John May), Joanne Froggatt (Kelly), Karen Drury (Mary), Neil D'Souza (Shakti), Andrew Buchan (Council Manager), Michael Elkin, David Shaw Parker
Verleih: Piffl Medien
Katholische Filmkritik: Kinotipp August 2014
Jury der evangelischen Filmarbeit: Film des Monats September
Filmhomepage, Programmkino.de, Filmgazette,
Pressespiegel, Pressestimmen
Trailer:
Original-Trailer mit deutschen Untertiteln:
Dementsprechend echt britisch und liebenswürdig humorvoll beginnt der nach „Spiel der Träume zweite Film von Uberto Pasolini. Mit einer im Stakkato gehaltenen Reihe von Bestattungen reiht er sich schon eingangs in einen Kanon einschlägiger britischer Komödien ein, die wie etwa in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Sterben für Anfänger“ , „Lang lebe Ned Devine!“ oder „Grasgeflüster“ein ausgesprochenes Flair für schwarzen Humor, aber auch für die unabdingbaren britischen Seiten des Seins offenbaren. Gleichzeitig erinnert der Film aber auch an Yôjirô Takitas „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“.
Angestoßen wird die Handlung, als auch bei der Sozialbehörde der Gürtel enger geschnallt werden muss. Das Amt wird reorganisiert. Ein jung-dynamischer Mr. Pratchett taucht in Mays Büro auf und führt aus, dass bei fehlenden Hinterbliebenen Bestattungen eigentlich überflüssig seien. In solchen Fällen soll die Asche fortan formlos auf einem Friedhof verstreut werden. Dass es eventuell eine zweite Wahrheit gibt und Menschen eventuell eine Seele haben, die es schätzt, anständig verabschiedet zu werden, steht auf einem anderen Blatt.
Aber es geht hier ja eigentlich auch gar nicht um die Toten, sondern um May, authentisch gespielt vom bisher eher auf Nebenrollen spezialisierten Eddie Marsan. May ist ein typischer Engländer: Stets korrekt in Auftreten und Erscheinung, verlässt er Tag für Tag zur gleichen Zeit seine winzige Sozialwohnung, geht den immer gleichen Weg zur Arbeit und verschwindet, die Kollegen freundlich grüßend, im Keller zwischen riesigen Archivregalen. Das hat umso mehr etwas Kafkaeskes, als May nach Arbeitsschluss zuhause die Fotos seiner „Kunden“ in ein Album klebt, was ihn als ebenso einsamen Zeitgenossen ausweist wie diejenigen, um die er sich kümmert.
Doch dann erhält May die Kündigung. Unverzüglich und nicht anzufechten; seinen Job erledigt fortan eine Kollegin. Nur drei Tage werden ihm gewährt, um seine letzten Fälle abzuschließen und das Büro aufzuräumen. Darunter geht ihm der Fall eines Mannes ungefähr seines Alters besonders ans Herz, der in einer Wohnung direkt gegenüber von John May wohnte, mit dem er aber sein ganzes Leben lang kein einziges Wort gewechselt hat. Also macht er sich auf die Suche nach dessen Angehörigen, um dem Toten zu einer gebührend Beerdigung zu verhelfen. Und findet tatsächlich Saufkumpane, eine ehemalige Liebe und eine von Joanne Froggatt ganz wunderbar gespielte Tochter.
Es ist ein einzigartiges Universum, in das Uberto Pasolini die Zuschauer entführt. Auch wenn es auf den ersten Blick etwas abwegig erscheinen mag: Die Vereinsamung, auf welche der Film in liebenswürdig-verschmitzter Weise aufmerksam macht, ist ein topaktuelles, gesellschaftliches Thema.
Irene Genhart, FILMDIENST 2014/18