Kino & Kultur e.V.
FREITAG 28. November um 20.30 Uhr
SAMSTAG 29. November um 20.30 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro
50% der Karten sind reservierbar, mindestens 50% gehen auf jeden Fall über die Abendkasse in den freien Verkauf. Reservierungen sind möglich per Mail an achteinhalb@web.de bis 15 Uhr am Tag der Vorstellung. Sie erhalten auf jeden Fall eine Rückmail entweder mit einer Reservierungsbestätigung oder einer Info, dass Ihre Reservierung nicht mehr möglich war. Das achteinhalb öffnet spätestens 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Die Karten bitte bis 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn abholen, da diese ansonsten - sorry - in den freien Verkauf gehen. Bitte sprengen Sie nicht unsere Kasse, bezahlen Sie möglichst nicht mit 50 Euro Scheinen.
Ein unverbindliches Rendezvous, an dessen Ende ein erbetener Kuss verweigert wird, löst eine Reihe ineinander verschachtelter (Film-)Erzählungen um große Gefühle, enttäuschte Erwartungen und falsche Hoffnungen aus. Eine ausgesprochen elegante Reflexion in Form einer dialogmächtigen Salonkomödie, die mit überzeugenden Darstellern die Abgründe der Emotionalität aufspürt und dabei immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet, die den Blick in ständig neue Richtung lenken.
Frankreich, 2007
Komödie
Verleih: Kino: Arsenal
Länge: 101 Minuten
FSK: o.A.f
Produktion: Frédéric Niedermayer
Regie/Buch: Emmanuel Mouret
Kamera: Laurent Desmet
Schnitt: Martial Salomon
Darsteller: Virginie Ledoyen (Julie), Emmanuel Mouret (Nicolas), Julie Gayet (Emilie), Michaël Cohen (Gabriel), Stefano Accorsi (Claudio), Frédérique Bel (Câline), Mélanie Maudran (Pénélope), Marie Madinier (Eglantine), Lucciana de Vogue (Louise), Jacques Lafoly (Kellner der Hotelbar)
Film-Homepage vom deutschen Verleih mit Trailer (Arsenal)
WIKIPEDIA:
über Virginie Ledoyen
Presseschau:
angelaufen.de : französischer Liebesfilm
Film-Zeit.de
Filmzeitschriften :
Schnitt : Der erste Kontakt
quer durch den Äther:
NDR :
Deutschlandradio Kultur :
Presse:
die tageszeitung (taz) :
Der Spiegel :
Das WEB:
Gilde deutscher Filmkunsttheater über Küss mich bitte!
kino-zeit.de :
FILMZ - umfangreiche Linksammlung zu Artikeln über diesen Film: FilmZ.de
Pars pro toto. Einst endeten viele klassische Filme mit einem versöhnlichen Kuss, der eine glückliche Auflösung der Konflikte und eine güldene Zukunft der Liebesleute symbolisieren sollte. Moderne Zeiten: Ein Kuss, schon ein ernsthaftes Nachdenken über die Möglichkeit eines Kusses – und die Welt gerät aus den Fugen. Moralisch-ethische Abgründe tun sich auf, und die Aussicht auf ein reines, unschuldiges Vergnügen zerstiebt in alle Winde.
Als sich Emilie und Gabriel eines Tages zufällig in Nantes begegnen, verbringen sie einen schönen Abend miteinander. Zum Abschied möchte Gabriel Emilie gerne küssen, ganz harmlos und unverbindlich, klar, sie jedoch verweigert einen Kuss, deutet aber zugleich an, dafür ihre guten Gründe zu haben. Jetzt ist Gabriel neugierig geworden – und so erzählt Emilie die Geschichte von Julie und Nicolas, die einmal die besten Freunde und Vertrauten waren, bis sich Nicolas eines Tages von seiner Geliebten trennte. Nicolas empfand darauf einen körperlichen Mangel, den keine die Distanz professionell wahrende Prostituierte zu stillen wusste, so bohrend, dass er verzweifelt seine Freundin Julie bat, ihm doch in aller Freundschaft Linderung zu verschaffen. Natürlich verändert Sex die Freundschaft, fragt sich nur, in welche Richtung jetzt gedacht werden muss. War die Freundschaft zuvor zu mutlos? Oder verändert Sex die Gefühle? Nicolas, ein etwas linkischer Mathematiklehrer, und Julie, die in Labors gerne einen interessierten Blick über Reagenzgläser schweifen lässt, müssen reden, handeln, experimentieren, diskutieren, Abgründe ausloten. Was geschieht, wenn man den Sex noch einmal unter veränderten Umständen wiederholt? Spontaner, unbequemer als beim ersten Mal? Was, wenn es dann noch toller ist? Soll man jetzt von Liebe sprechen? Aber liebt Julie nicht auch ihren Freund Claudio? Nie könnte sie Claudio verlassen, weil ihm dies das Herz bräche. Wie aber, wenn Claudio sich selbst in eine andere Frau verliebte? Dann würden sich Julie und Claudio trennen müssen, und der Weg wäre frei für die neue Liebe. Das Problem: Leider hat Claudio keine Augen für eine andere Frau. Könnte man da nicht nachhelfen? Vielleicht, wenn man eine Begegnung zwischen Claudio und Câline, Nicolas’ Ex, arrangierte? Schließlich kennt Julie die Vorlieben Claudios aus dem Effeff, man könnte Câline also gewissermaßen für die Liebe trainieren.
Man möchte meinen, der Filmemacher, Drehbuchautor und Hauptdarsteller habe sich mit „Küss mich bitte!“ daran gemacht, Niklas Luhmanns komplexe, ausgesprochen weitsichtige Studie „Liebe als Passion“, in der Hunderte von Drehbuchideen zu entdecken sind, als dialogstarke Salonkomödie zu verfilmen. Es geht hier um Gefühle, zu große Gefühle, zu kleine Gefühle, falsche Gefühle, manipulierte Gefühle und ihre Abschattierungen in Zwischenbereiche. Man wird Augen- und Ohrenzeuge einer weit ausholenden und höchst vergnüglichen reflexiven Bewegung, die zugleich ein so elegantes wie ausgekochtes Spiel mit Erzählebenen und -perspektiven ist. Emilie erzählt eine exemplarische Geschichte, um eine Fehlhandlung begründet verweigern zu können. Doch genau diese Erzählung führt zu immer intimeren Verwicklungen. Dann flicht Gabriel seinerseits eine Erzählung ein, während Nicolas, eine Figur aus Emilies Erzählung, seinerseits zu erzählen beginnt. Spätestens wenn die frisch Verliebten versuchen, Claudio zu manipulieren, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, und Claudio zufällig Zeuge der gegen ihn gerichteten Intrige wird, steckt man mitten in den abstrakten Grundzügen einer Kriminalgeschichte, die gleichzeitig die Auslöschung bzw. Umcodierung einer Liebesgeschichte ist. Wobei auch die Intrige und ihr katastrophaler Fehlschlag in Laufbilder mit Off-Kommentar überführt werden, obschon sie doch logischerweise mindestens zwei weitere Erzähler bräuchten. Was soll man dazu sagen, wenn Claudio seinerseits das Spiel mitspielt, obwohl er die Intrige, die ihn schützen soll, durchschaut hat, um Julie nicht zu verletzen? Er ist es, der Câline vorwirft, dass man, um Scham vor dem eigenen Handeln zu empfinden, zunächst einmal ein Herz benötige.
Die Figuren in „Küss mich bitte!“ agieren mit kindlicher Unschuld, mal unbeholfen, mal neugierig, mal aus guten Stücken das Böse forcierend. Die „Diskurse der Empfindsamkeit“ (Nikolaus Wegmann) halfen um 1800 dabei, Intimität so zu codieren, dass man über sein Innerstes kommunizieren konnte. Wie viel Arbeit dies kostet, zeigt Emmanuel Mourets Film ebenfalls. Mouret macht keinen Hehl aus seiner Liebe zu den „moralischen Erzählungen“ Eric Rohmers, aber auch nicht aus seiner Verehrung für Pierre Richard. Liebenswert unbeholfen sind die Figuren, die hier den Abgründen ihrer Emotionalität nachspüren. Der Film wirkt zunächst wie eine sehr reduzierte, fast karge Abfolge von Dialogen. Schaut man genauer hin, registriert man eine Vielzahl von Blicken und Miniaturen, die die zentralen Diskurse des Films spiegeln und variieren. Am Schluss hält er außerdem einige schöne Volten bereit, die belegen, dass die Liebe unberechenbar ist. Um es mit Hot Chocolate zu sagen: „It started with a kiss, I never thought it would come to this.“ Jeder Kuss beinhaltet das Versprechen auf ein anderes, glücklicheres Leben; und reichlich Stoff für Katastrophenfilme, denn Körper kann man nicht kontrollieren, sondern, so wie es Emilie versucht, bestenfalls von vornherein die Spielregeln festlegen. Ein letzter Blick in ihr Gesicht dokumentiert das grandiose Scheitern ihres Planes. Weiter geht’s!
Ulrich Kriest
Sehenswert ab 16
Kritik aus film-dienst Nr. 16/2008