achteinhalb

Kino & Kultur e.V.

Übriggebliebene ausgereifte Haltungen

FREITAG, den 9. Januar, um 20.30 Uhr
Die Karte für Freitag gilt auch für die Samstagveranstaltung
mit dem Film Hölle Hamburg und Besuch des Filmemachers Ted Gaier.

Eintritt: 5,00 Euro

50% der Karten sind reservierbar, mindestens 50% gehen auf jeden Fall über die Abendkasse in den freien Verkauf. Reservierungen sind möglich per Mail an achteinhalb@web.de bis 15 Uhr am Tag der Vorstellung. Sie erhalten auf jeden Fall eine Rückmail entweder mit einer Reservierungsbestätigung oder einer Info, dass Ihre Reservierung nicht mehr möglich war. Das achteinhalb öffnet spätestens 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Die Karten bitte bis 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn abholen, da diese ansonsten - sorry - in den freien Verkauf gehen. Bitte sprengen Sie nicht unsere Kasse, bezahlen Sie möglichst nicht mit 50 Euro Scheinen.

Kurzbeschreibung

Da ich kaum über Musikwissen verfüge, habe ich zwei gute Bekannte gefragt, die für mein Verständnis wahre Musik-Experten sind, was "Die Goldenen Zitronen" - die Goldies - ihrer Meinung nach für ne Band sei.

Der eine, 52-jährig, spielt in einer Celler Rockband und sagte, die Musik der Goldies, würde er als Post-Punk-Avantgarde bezeichnen. Sowohl Texte als auch Musik seien hochgradig intelligent. Die Goldies seien eine Rockband, die zickt - will sagen, die sich nicht anpassen und die grundsätzlich Erwartungshaltungen unterlaufen. Er meint, es sei halt kein Pop, keine Musik, die man neben der Küchenarbeit hören könne.

Der andere, 30-jährig, ist Musikveranstalter in Freiburg. Er sagte mir, wenn er eine neue CD der Goldies hört, frage er sich: was wollen die, was wollen die von mir? Wenn er die CD dann 4-5 mal gehört habe, würde er verstehen - das Ganze sei hochintelligent gemacht.

Hier seine Besprechung der CD LENIN:
Nach 20 Jahren ihr neuntes Studioalbum und es erstaunt mich immer wieder wie großartig die Jungs sind. So kann Punk heute klingen. Ein stetig sich entwickelndes subversives Gegenmodell zur braven deutschen Rockmusik. Nie lässt man sich vereinnahmen, immer legt man den Finger genau in die Wunde und versteht es trotzdem den moralischen Zeigefinger unten zu lassen. Virtuos inszenieren sie die Gespaltenheit zwischen der Verlogenheit des Lebens (und der Sprache) und den eigenen Ansprüchen. Kunst und Politik, Geld und Leben, Arbeit und Freizeit sind Spannungsfelder die analytisch, sachlich, ironisch und künstlerisch zerpflückt, interpretiert und entlarvt werden. Systemkritik die Spaß macht, die anstrengend und vielschichtig ist und ab und an weh tut, weil sie meinen Dich (und mich - ich höre viel Deutschlandfunk in letzter Zeit). Text und Musik passen zusammen, krachen aneinander, zerfetzen und ergänzen sich. Weiterhin groß, echt und viel zu schlau, um Erfolg zu haben.

Hier die Besprechung von "Übriggebliebene ausgereifte Haltungen"
auf der gleichen Internetseite
Endlich die erste Zitronen-DVD und gleich eine absolute Vollbedienung, besser kann man über 20 Jahre Bandgeschichte wohl kaum visualisieren. Im Mittelpunkt steht Peter Ott´s Dokumentation `Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen´, der die Band in unterschiedlichsten, globalen Umgebungen und eher als Zusammenhang denn als Band zeigt. Kommentiert von aktuellen wie längst wieder gegangenen Bandmitgliedern, von den klugen Sätzen des postmodernen Malerfürsten Daniel Richter, Musikerkollegen, alten Freunden, dem im Nachtlicht dauersalbeienden Ex-Labelboss Fabsi, der alten Spex-Poptheoriepopgarde etc. - und immer wieder die von zwei Doubles (Schorsch und Ted als ältere Herren) verlesenen Statements der beiden - die an Widerständen, Widersprüchen und Widerhaken nicht arme Karriere der Zitronen wird ohne Kommentare anhand der Statements nachgezeichnet und auch aus den unterschiedelichsten Ecken beleuchtet, dazwischen ist man immer wieder mit der Band im Studio, kriegt Einblicke ins Bandgefüge und hat hinterher anhand der fast nicht fassbaren Reichhaltigkeit und Dichte sofort Lust auf einen weiteren Durchlauf- das ist das größte Kompliment, das man einer DVD und Doku machen kann! Dabei ist die 2. DVD genauso voll mit sehenswertem Stoff: einer Dokumentation der Albumaufnahmen von "Schafott zum Fahrstuhl" in Bukarest, Aufnahmen von Liveauftritten aus allen Perioden, einer eigenen Fast Forward Sendung, Kamerun´s großartigem Statement zur Sprachquotenregelung, Rastplatztreffen mit den Toten Hosen, alte Tourbusaufnahmen, Interviews u.v.m. Und als wäre es nicht schon genug finden sich hier auch noch all die tollen Musikvideos von 1987-2006.

Filmdaten

Verleih: Salzgeber Berlin
Länge: 89 Minuten  
FSK: ab 6 Jahre
Kinostart: 6. November 2008
Uraufführung: 9. November 2007 in Duisburg

Regie/Buch/Kamera/Schnitt/Ton: Peter Ott
Musik: Die Goldenen Zitronen

Presseheft vom deutschen Verleih Salzgeber
Trailer bei Youtube
Homepage der Goldenen Zitronen
Radio-Beitrag im mp3-Format, mit Interview mit Regisseur Peter Ott

Interview vom 27.10.08
mit Diedrich Diederichsen, Schorsch Kamerun und Ted Gaier

ARD: Die Hamburger Schule - Erzfeind der Hippies: Die Goldenen Zitronen
Wikipedia: Hamburger Schule

Alle Daten bei Filmportal.de

WIKIPEDIA
über Übriggebliebene ausgereifte Haltungen
über Die Goldenen Zitronen
über Peter Ott
über Ted Gaier

alle CDs der Goldies bei Flight13
aussage gegen aussage
schafott zum fahrstuhl

Kritiken & Infos zu diesem Film via URLs/Links

Presseschau:
angelaufen.de
Film-Zeit.de

Filmfachzeitschriften:
Der Schnitt: Über das Verkleckern eigenen Matsches

Presse:
Junge Welt : Punk im Punk
spex - Magazin für Popkultur : Rezension
Die Zeit : Keine Macht den Schnauzbärten!
Frankfurter Rundschau (FR) : Maximal komplex, maximal reichweit
Hamburger Abendblatt : Spannendes Stück Hamburg

Das WEB:
Kino-zeit.de : dichtes, wildes Szenario von verknüpften Figuren
fluter : Hoffnungsträger des Nordens
perlentaucher.de : nie über Zielgruppen nachgedacht
infomedia-sh.de : Prolegomena (Vorbemerkungen) zur Philosophie des Punk

FILMZ - umfangreiche Linksammlung zu Artikeln über diesen Film: FilmZ.de

Interview vom 22.8.96 : pop und moral
Artikel vom 25.8.98 : Väter der Toten
Interview vom 10.8.01 : Schwarze Zahlen
Artikel von Ted Gaier vom 22.3.02 : Auf dem Platz der leeren Versprechungen
Interview vom 22.5.06 : Ich und die Wirklichkeit

ausführliche Kritik aus dem Film-Dienst - Ted Gaier schrieb mir hierzu: "grad überfliege ich den text unten, was für ein quatsch wieder"

Dass die Zusammenarbeit mit der Hamburger Punk- und Avantgardeband „Die Goldenen Zitronen“ nicht immer ganz unproblematisch ist, musste bereits Jörg Siepmann erfahren, als sich die Band im Nachhinein entschieden von seinem US-Tourfilm „Golden Lemons“ (fd 36 105) distanzierte, weil dieser nicht reflektiert genug ausgefallen sei. Was die ostentativ querköpfige Band unter Reflexion versteht, kann man nun in einigen aussagekräftigen Szenen in Peter Otts neuem Anlauf, der „Goldenen Zitronen“ in irgendeiner Form „habhaft“ zu werden, sehr schön beobachten. Man arbeitet an einem Song, der auch ganz gut funktioniert, aber dann setzen die Zweifel ein: Ist das Glatte jetzt nicht aktuell ein Signal in die falsche Richtung? Ist es überhaupt zu glatt? Kann man diese Geste gerade jetzt unter Umständen auch falsch verstehen? Müsste man nicht aktiver gegen bestimmte Erwartungshaltungen des Publikums vorgehen, sie vielleicht sogar subversiv zu unterlaufen versuchen? Und was, wenn das Resultat solch strategischer Reflexionen dann doch etwas „billig“ oder gar opportunistisch rüberkommt? Da nennt man das aktuelle Album lieber unmissverständlich „Lenin“. Bloß nicht den Eindruck erwecken, mit dem Zeitgeist zu schwimmen! Die „Goldenen Zitronen“ haben nämlich eine Mission: sie werden niemals „denen ihr Spiel spielen“, eher wählen sie den steinigen Weg der Selbstmarginalisierung und machen weiter ihr politisch korrektes Ding: unabhängig sein. Mit gehangen, mit gefangen: Wie Thomas Wenzel, „Zitrone“ der dritten Generation und auch bei „Die Sterne“ dabei, zu Protokoll gibt, sind die Zeiten, als man die Band verlassen konnte, wenn man wollte, längst vorbei. Er lacht dabei nicht. Auch Ale Sexfeind, bis 1990 Drummer der „Ur-Zitronen“, lacht nicht, als er feststellt, er sei damals aus der Band gemobbt worden. Überhaupt: in der Haut der Musiker möchte man nicht stecken.

Fun Punk – das war einmal. Was heute zählt, sind Disziplin und permanentes Sich-und-das-System-insgesamt-in-Frage-Stellen. Man muss sich das so vorstellen: Die beiden Bandleader Schorsch Kamerun und Ted Gaier gehen zu einem Interview in eine Fernsehshow, geben sich dort ausgesprochen maulfaul und bekennen auch offen, dass sie diesen ganzen Promo-Interview-Quatsch überhaupt nicht mögen, ja wahrscheinlich sogar verachten. Sie hätten natürlich auch wegbleiben können. Und mit den Dreharbeiten zu Peter Otts Film, obgleich eine Auftragsarbeit zum 25sten Geburtstag der Band, verhält es sich auch so, weshalb Kamerun und Gaier sich als Gesprächspartner fast völlig entziehen und dieses Feld „Ex-Zitronen“ wie Aldo Moro, Ale Sexfeind oder Psycho 1 überlassen, was „Übriggebliebene ausgereifte Haltungen“ einen seltsamen Drall verleiht, weil diese durchaus eine gewisse ironische Distanz zum Vorgestellten aufbringen. Was man dabei nicht vergessen darf: Die „Goldenen Zitronen“ sind eine absolut integre politische Instanz innerhalb dessen, was von der Indie-Szene noch übrig ist. Man möchte den Rigorismus ihrer Haltung nicht unbedingt teilen, aber sie nötigt schon Respekt ab, zumal dieses Bandkollektiv wirklich unberechenbar ist. Ted Gaier erzählt im Interview davon, dass man erlebt hat, wie befreundete Kollegen der „Hamburger Schule“ plötzlich durchstarteten und Karriere machten. Man hat das beobachtet, durchaus sogar respektiert, aber selbst wollte man die eigene Unabhängigkeit um keinen Preis aufs Spiel setzen. Als die Musikindustrie der Band vor vielen Jahren einmal ein lukratives Angebot machte, hat man darauf nicht reagiert. „Warum nicht?“, fragt der Filmemacher. „Warum?“, fragt Ale Sexfeind dagegen. Größere künstlerische Unabhängigkeit als damals sei gar nicht denkbar gewesen. Heute käme niemand mehr seitens der Industrie auf die Idee, die „Goldenen Zitronen“ unter Vertrag nehmen zu wollen. Diese Form der subkulturellen Dissidenz als Prinzip akkumuliert reichlich symbolisches Kapital. Leben kann man davon allerdings nicht: „Keiner von den Zitronen kann nur von den Zitronen leben!“, heißt es einmal. Wovon die Musiker sonst so leben, von anderen Bands, von Arbeit fürs bürgerliche Theater, von Hörspielen etc., verrät der Film nicht. Immerhin: der eloquent-ironische Maler Daniel Richter, heute ein Star der Szene, war einmal der Manager der Band – und macht von der ersten Einstellung an klar, dass die Porträtierten ganz genau wissen, wie man den Bilderfluss kontrolliert.

Um den ungewöhnlichen, aber ziemlich durchgestylten Habitus der „Goldies“ (wie Fans sagen) zu verstehen, muss man – wie es Ott auch ausführlich tut – sich die Geschichte der Band genauer anschauen. Angefangen hat man Mitte der 1980er-Jahre als kunterbunte Fun-Punk-Band, die Humor und Alkohol auf kreative Weise zusammenzuführen verstand. Mit dem Song „Am Tag, als Thomas Anders starb“ machte man 1986 erstmals eine größere Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Seinerzeit spielte man häufig mit den „Toten Hosen“. Doch während die sich später in Richtung Stadionrock mit kirchentagstauglichem Frontmann entwickelten, politisierten und radikalisierten sich die „Goldenen Zitronen“ insbesondere im Umfeld der Wohlfahrtsausschüsse nach der Wiedervereinigung. Während die Band jetzt unmissverständliche Stücke wie „80 Millionen Hooligans“ ins Repertoire nahm und musikalisch immer unberechenbarer wurde, versuchte sie, ihren feierwilligen Fans zu entkommen, die noch immer ihre „lustigen“ „Ficken Bumsen Blasen“-Shirts trugen. Wichtige Stichworte sind hier: Hamburger Hafenstraße, Hoyerswerder und der neue Patriotismus. Die „Goldenen Zitronen“, heißt es, waren gegen die Politik, gegen das Establishment, gegen den Staat und gegen die Bullen.

Dass es bei Konzerten keinen Unterschied zwischen Publikum und Band geben sollte, ist dagegen Utopie geblieben. Der Filmemacher hält sich aus all dem heraus, suggeriert teilweise sogar eine größere Distanz zur Band als de facto vorliegen dürfte, und strukturiert sein Material oberflächlich durch Inserts wie „Autonomie vs. Ökonomie“, „Ironie vs. Ideologie“ oder „Publikum vs. politische Korrekturen“, wobei diese Themen zwar angerissen, aber nicht konzentriert bearbeitet werden. So lässt dieser Film trotz des erstaunlich reichen Archivmaterials viele Wünsche offen. Wer sich dafür interessiert, wie die „Goldenen Zitronen“ abseits von Bühne und Studio ticken, bleibt weiterhin angewiesen auf die ältere Doku-Fiction „Swingpfennig/Deutschmark“ (1993) von Margit Czenki.
Ab 14 möglich.
Ulrich Kriest
Kritik aus film-dienst Nr. 23/2008