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achteinhalb
Kino & Kultur e.V. Artikel in RECLAM-Filmklassiker über CaligariAls der Jahrmarkt im Städtchen Holstenwall beginnt, geschieht ein geheimnisvoller Mord, der die Bürger ebenso beunruhigt wie die größte Attraktion des Volksfestes: Der Schausteller Dr. Caligari führt den Somnambulen Cesare vor, der die Zukunft voraussagen kann. Auch die Freunde Franzis und Alan besuchen das Zelt Caligaris. Als dieser Cesare für wenige Minuten aus seinem Dauerschlaf erweckt und ihn bittet, Fragen aus dem Publikum zu beantworten, will Alan wissen, wie lang er leben werde. Cesare sagt: »Bis zum Morgengrauen.« Die Freunde fliehen entsetzt; am nächsten Morgen ist Alan tot. Bei einem dritten Mordversuch wird ein Täter festgenommen, die Stadt atmet auf. Als jedoch Jane, die Verlobte von Franzis, in der nächsten Nacht verschleppt und ohnmächtig gefunden wird, steht fest, daß der Verhaftete nicht der Täter sein kann. Jane berichtet vielmehr, daß es Cesare gewesen sei, der sie mit einem Messer bedroht und weggetragen habe. Der lag jedoch, wie Franzis beobachtet hat, die ganze Zeit in seiner Kiste in Caligaris Wohnwagen. Bei näherer Untersuchung stellt Franzis aber fest, daß es sich um eine Puppe handelt, und verfolgt nun Cesares Weg von der Stelle aus, wo Jane gefunden wurde. Er gelangt ins Irrenhaus, wo er nach einem Parienten Caligari fragt. Zum Anstaltsleiter gewiesen, erkennt er in ihm den Schausteller wieder. Gemeinsam mit den Ärzten überwältigt Franzis ihn. Bei Durchsicht seiner Unterlagen finden sie historische Berichte über somnambule Patienten und die Tagebuchaufzeichnungen des offenbar wahnsinnigen Arztes, der von der Idee besessen war, Cesare seinen eigenen Willen aufzuzwingen.Schräge Linien, schiefe Wände, geneigte Ebenen, verzerrte Perspektiven und auf den Dekor gemalte Schatten sind die auffälligsten Merkmale dieses ersten expressionistischen Films; die Schauspieler passen sich den Dimensionen der Kulissen an. So sitzen etwa die Beamten mit fast waagrecht nach vorn gebeugten Oberkörpern auf Hockern, deren Sitzflächen sich in Tischhöhe befinden. So sind die drei Strähnen im Schöpf Caligaris ebenso angeordnet wie die Nähte auf seinen Handschuhen - parallele schwarze Linien auf weißem Grund. Vor allem die Gestik und Mimik von Werner Krauss und Conrad Veidt sind bis zur reinen Ergänzung des Dekors stilisiert: So verbeugt sich Caligari anbiederisch vor seinem Publikum; krümmt sich jedoch noch tiefer, um durch den Eingang seines Jahrmarktszeltes zu passen. Zwei Stöcke verlängern seine Arme, mit denen er anpreisende, ausladende Bewegungen macht, um auf sein somnambules Schauobjekt hinzuweisen. Das ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, kalkweiß das flächige Gesicht, schwarz die Unter-, hell die Oberlider seiner zunächst noch geschlossenen Augen, die es auf Caligaris Befehl weit öffnet. Eine Kreisblende isoliert diesen furchtbaren, leeren Blick und den sich automatisch bewegenden Mund, aus dem die Weissagung wortweise purzelt, deutlich artikuliert. Später schiebt sich der in ein schwarzes Trikot gekleidete Cesare auf dem Weg zu Jane an einer weißen Wand entlang. Unsicher, zögernd tasten sich die Füße in kleinen Schritten voran, während eine Hand hinter, die andere vor dem Körper fest an die Wand gepreßt bleibt. Der nach vorn geneigte Oberkörper signalisiert Sprungbereitschaft, die dahinter zurückbleibenden Gliedmaßen dagegen das Bemühen, sich gleichsam in den Hintergrund hineinzupressen, zum bloßen Ornament zu werden. Die Darstellung vermischt eine ängstliche mit einer aggressiven Attitüde: Instinktiv spürt Cesare die Furcht vor der Entdeckung genauso wie die ihm von Caligari eingeflüsterte Mordlust. Selbst die auf einen flammenden Hintergrund in gezackten Buchstaben gemalten Zwischentitel unterstreichen die Bedrohlichkeit einer aus den Fugen geratenen Ordnung. Und die Lettern des Schriftzugs »Du mußt Caligari werden« torkeln genauso verwirrt über die Leinwand wie der wahnsinnig gewordene Caligari selbst.Das Cabinet des Dr. Caligari war der erste internationale Erfolg für Conrad Veidt und Erich Pommer, der ihn für die Decla, die 1922 mit der Ufa fusionieren sollte, produzierte. "Wochenlang vor der Uraufführung am 26. 2. 1920 in Berlin klebten überall Plakate mit der Aufschrift »Du mußt Caligari werden«; auch dieser Werbefeldzug ist in die Filmgeschichte eingegangen. Die Regie sollte zunächst Fritz Lang übernehmen, der sie dann aber wegen anderer Verpflichtungen an Robert Wiene weitergab. Und der nahm ohne die Zustimmung der Drehbuchautoren eine wesentliche Änderung vor: Durch eine Rahmenhandlung wird der Schluß, der - wie Siegfried Kracauer schrieb - auf die gefährliche Verbindung von Autorität und Willkür hinweist, entschärft. Franzis, aus dessen Sicht eine Rückblende die merkwürdigen Begebenheiten erzählt hat, und sein Zuhörer erweisen sich selbst als Anstaltsinsassen. Als die Kamera den Blick auf den Hof freigibt, sind dort sämtliche Protagonisten seiner Geschichte zu finden. Auch Caligari tritt auf; bei seinem Anblick beginnt Franzis zu toben und wird in eine Zwangsjacke gesteckt. Väterlich-milde legt Caligari dem Gefesselten die Hand auf den Kopf; die Welt ist wieder in Ordnung.
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