Space ist the place (für Dawn & Olli vom Rio's)

  Donnerstag, 21. Dezember 2017 - 20:00 bis - 21:30

Eintritt: 5,00 €

Musikfilm Science-Fiction-Film
USA 1974
Kinostart: 6. Juli 2017
81 Minuten

Produktion: Jim Newman
Regie: John Coney
Buch: Joshua Smith, Sun Ra
Kamera: Seth Hill
Musik: Sun Ra
Schnitt: Barbara Progress

Darsteller:
Barbara Deloney (Candy), Sun Ra (Sun Ra), Ray Johnson (Overseer), Erika Leder (Tania), Christopher Brooks (Jimmy Fey), La Shaa Stallings (Bertha), Sinthia Ayala (Chili Pepper), Clarence Brewer (Bernard)rle

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Kurzkritik Filmdienst
 „Blaxploitation“-Klassiker aus dem Jahr 1974, in dem der avantgardistische Jazz-Musiker Sun Ra einen Außerirdischen spielt, der nach einem intergalaktischen Zwischenspiel zur Erde zurückkehrt, um die schwarze „Community“ zu retten. Dabei muss er sich nicht nur der Zudringlichkeiten der NASA erwehren, sondern sich auch mit einem früheren Gegenspieler als Inkarnation des Bösen auseinandersetzen. Der kunterbunte Science-Fiction-Film spielt recht unbefangen mit Klischees, zielt aber auch auf eine kluge Zuspitzung sozialer und ethnischer Ungerechtigkeiten und überrascht durch differenzierte kulturhistorische Bezüge, insbesondere auf die Bibel. .
Ab 16.
Claus Löser, FILMDIENST 2017/14

Trailer (156 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Am Ende dieses kunterbunten, Science-Fiction-Films hebt ein Raumschiff ab. An Bord befinden sich die für ein besseres Leben Auserwählten – allesamt Afroamerikaner. Sie fliegen Richtung Saturn, während unter ihnen der in jeder Hinsicht marode, moralisch ausgehöhlte Planet Erde explodiert. Der Weltraum ist der bessere Ort. In den vorangehenden 80 Minuten waren wilde Verfolgungsjagden und Schlägereien zu erleben, mysteriöse Zeremonien, leicht bekleidete Mädchen, weiße Bösewichte sowie ausgiebige Konzertpassagen. Der eklektische Charakter des bereits 1974 entstandenen Films ist seiner Struktur immanent, der eigentliche Grund für seine Herstellung liegt nicht in einer nacherzählbaren Geschichte, sondern ausschließlich in der Präsenz seines Stars: Herman „Sonny“ Blount (1914-1993), der sich ab 1952 Sun Ra nannte und als vitaler Erneuerer des Jazz berühmt wurde.

Ein ganzes Bündel von „Alleinstellungsmerkmalen“ macht „Space is the Place“ so einzigartig. Da ist zunächst die Musik von Sun Ra und seiner Band „Arkestra“ (ein Wortspiel aus „Arche“ und „Orchester“), die heute noch wild, komplex und innovativ klingt. Meilenweit entfernt vom Opportunismus des Mainstreams, probierte Sun Ra als Bandleader, Komponist, Pianist, Arrangeur, Autor und Philosoph ständig Neues aus, wobei er gerne und oft über alle Grenzen hinausschoss. Die von ihm vorangetriebene Entgrenzung des instrumentalen Zusammenspiels und die unbändige Improvisationslust beeinflussten unmittelbar die Rock-Avantgarde. So haben ihm Frank Zappa oder Soft Machine unendlich viel zu verdanken. Zudem war Sun Ra ein Vordenker der erst viel später populär gewordenen Do-it-yourself-Bewegung. Viele seiner mehr als 150 Langspielplatten erschienen im Selbstverlag, teilweise wurden die Hüllen von Hand gefaltet und bedruckt.

Zu seiner Erscheinung als personifiziertes Gesamtkunstwerk gehörte auch die ab Ende der 1950er-Jahre formulierte und praktizierte Outer-Space-Philosophie. (Dieser extraterrestrische Spleen fand sich später bei Christian Vander und dessen Band Magma aus Frankreich wieder.) Sun Ra trat in Kostümen auf, die an das alte Ägypten erinnerten („Ra“ verweist auf den Sonnengott) und gab vor, vom Saturn zu stammen. Was dann ja auch in „Space is the Place“ wieder vorkommt.

Sun Ra spielt hier also Sun Ra, der nach einem intergalaktischen Intermezzo zur Erde zurückkehrt, um die schwarze Community zu retten. Das erweist sich als nicht ganz einfach, da er sich nicht nur den Zudringlichkeiten der NASA erwehren muss; so trifft er auch auf den „Overseer“, einen zynischen Zuhälter und Widersacher aus früheren Zeiten in Chicago, wo Sun Ras Karriere in den 1940er-Jahren tatsächlich begann. Dieser Antagonist entpuppt sich als echte Inkarnation des Satans. Bemerkenswert daran ist, dass das maximal Böse in schwarzer und nicht in weißer Gestalt auftritt. Generell ging es Sun Ra zwar um die Zuspitzung sozialer und ethnischer Ungerechtigkeiten, nie aber um eine bloße Umkehrung der Schemata.

Als früher Blaxploitation-Klassiker wartet der Film mit vielen Klischees auf; inzwischen tabuisierte Begriffe fallen reichlich, die meisten Darstellerinnen entledigen sich auffallend schnell ihrer Kleider. Selbst das rettende Raumschiff besticht durch sein sexistisches Design. Dennoch bleibt die Gesamtgestalt des Films erstaunlich differenziert und überrascht mit kulturhistorischen Bezügen, vor allem auf die Bibel. Die Erweckung des Lazarus findet sich ebenso wie die Geschichte von der Arche Noah oder dem Jüngsten Gericht.

„Space is the Place“ entstand auf Initiative des Produzenten Jim Newman (Jahrgang 1933), der auch anderen wegweisenden Künstlern wie Terry Riley, Yvonne Rainer, Frank Zappa, Andy Warhol, Robert Frank oder dem Living Theatre zu Fernsehauftritten verholfen hatte. Die Spielhandlung wurde später hinzugefügt, um das Projekt zu einem abendfüllenden Ereignis zu machen, was aber nicht die ungeteilte Zustimmung von Sun Ra fand. Lange Zeit kursierten deshalb verschiedene, technisch rudimentäre Fassungen. In Deutschland war der Film überhaupt noch nie im Kino zu sehen. Für die jetzige Version konnte auf die einzige noch vorhandene 35mm-Kopie zurückgegriffen werden, die auf 4K abgetastet wurde, inklusive vieler Kratzer, Laufstreifen und Schlieren. Das Negativ gilt schon lange als verschollen. So gleicht diese späte Ausgrabung selbst fast schon einem intergalaktischen Wunder.

Claus Löser, FILMDIENST 2017/14

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