Sommerhäuser

  Freitag, 22. Dezember 2017 - 20:30 bis - 23:15
Kategorien: Stefan, Komoedie, Fox
Treffer: 73

Eintritt: 5,00 €


The Square
Komödie/Satire Schweden 2017
Kinostart: 19. Oktober 2017
151 Minuten
FSK: ab 12; f

Regie/Drehbuch: Ruben Östlund
Kamera: Fredrik Wenzel
Schnitt: Jacob Secher Schulsinger

Darsteller:
Claes Bang (Christian), Elisabeth Moss (Anne), Dominic West (Julian), Terry Notary (Oleg), Christopher Læssø (Michael), Marina Schiptjenko (Elna), Elijandro Edouard (Pojken), Daniel Hallberg (PR-Berater), Martin Sööder (PR-Berater), Sofie Hamilton (Räuberin)

Auszeichnungen:
Ruben Östlund, Cannes 2017, "Goldene Palme"
Filmagentinnen, 

 
Filmhomepage, Wikipedia, EPD-FilmProgrammkino.de, alle Daten zum Film auf Filmportal.de
Film des Monats Oktober der Jury der evangelischen Filmarbeit


Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.

Kurzkritik Filmdienst
Der eloquente und attraktive Kurator eines Museums für moderne Kunst in Stockholm plant eine Ausstellung über die Utopie der gesellschaftlichen Fürsorglichkeit. Die Vorbereitungen werden durch Zwischenfälle gestört, die um die widersprüchlichen Rollen, die das postmoderne Subjekt in Alltag und Beruf zu spielen hat, sowie um die Dialektik von hohem politischem Anspruch und profanem Alltagshandeln kreisen. Die bissige, bisweilen auch selbstgefällige Satire pointiert die kaum aufzulösenden Widersprüche des Kunstbetriebs und des mit ihm verbundenen Milieus, vermeidet es aber nach Möglichkeit, sich selbst als einen Teil dieser Szene mitzudenken.
Sehenswert ab 14.
Ulrich Kriest, FILMDIENST 2017/21

 

Trailer (138 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Das nennt man dann wohl Timing! Während die „documenta“ in Kassel durchwachsene Schlagzeilen macht, gern über die Übernahme der Berliner „Volksbühne“ durch den „Kurator“ Chris Dercon oder so genannte Political Correctness gestritten wird, hat sich der schwedische Filmemacher Ruben Östlund den Kunstbetrieb als Handlungsraum seiner neuen, teilweise polemischen Versuchsanordnung namens „The Square“ vorgenommen.

In einer Reihe von Episoden, die um Christian zentriert sind, den ebenso attraktiven wie reflektierten Kurator des Stockholmer X-Royal Museums, zeichnet „The Square“ ein böses, provokantes und satirisches Porträt eines spezifischen Milieus, das zwischen Kunst und Leben zu laborieren gewohnt ist.

Welche Rolle spielt die Kunst im Leben? Was wurde eigentlich aus dem alten Avantgarde-Projekt einer Überführung von Kunst ins Leben? Östlund spielt in seinem Film erstaunlicherweise mit allerlei reaktionären Ressentiments, die über die Kunstszene kursieren, versteht als Adressaten seines Films aber (hoffentlich) die Szene selbst und nicht diejenigen Kreise, die derlei Ressentiments hegen. Der Film ist folglich eher Spiegel als Kritik.

Für eine neue Ausstellung hat sich Christian das Konzept „The Square“ ausgedacht. Mit diesem Quadrat, so die Idee, wird eine Utopie der Fürsorglichkeit formuliert, die der Realität offenkundig abgeht. Christian versteht sich glänzend darauf, seine Konzepte in den aktuellen Kunstdiskurs zu verpacken, wenngleich er seine spontane Eloquenz mitunter vor dem Spiegel einüben muss. Seine Intelligenz verschafft ihm Respekt und Anerkennung, macht ihn aber auch sexy. Die Inszenierung schickt den Protagonisten und mit ihm das Milieu, in dem er sich bewegt, durch ein Minenfeld von Handlungen und Entscheidungen, in denen es immer darum geht, Gesellschaftsvertrag und Individualethik miteinander abzugleichen.

Der Zuschauer wird dabei mit Widersprüchen zwischen Wort und Tat oder mit den Konsequenzen des Handelns konfrontiert. Einmal liefert ein Künstler bei einem Dinner für die Mäzene des Museums eine umwerfende Performance als Affe ab. Er rückt dem Publikum auf die Pelle, veralbert und provoziert. Doch die Performance lässt sich nicht einfach abschalten; die Situation gerät außer Kontrolle, als der Künstler über eine Frau herfällt. Lange dauert es, bis ein paar Gäste aufspringen und der Frau zu Hilfe eilen. Der Künstler wird verprügelt.

In einer Abfolge solcher Szenen auf unterschiedlichen Niveaus werden die Rollen, die Christian zu erfüllen hat, durchdekliniert: der Mann, der Vater, der Citoyen, der Chef, der Kurator, der Gastgeber, der Arbeitgeber. Dazu gesellen sich Milieu-Beschreibungen, die Christian einen Rahmen liefern: Kunstwerke, die von Putzfrauen entfernt, weggewischt werden (ein dummer Witz!), Mäzene, die sich mehr fürs Buffet als für die Kunst interessieren, eine Öffentlichkeit, die für die Kunst interessiert werden muss, die Medien, die ihr eigene Agenda verfolgen, sozialen Netzwerke, die niedrigste Instinkte bedienen.

Mit geradezu beckmesserischer Konsequenz, aber ohne die Oberlehrerhaftigkeit eines Michael Haneke, katalogisiert Östlund ein mal komisches, mal populistisches Netzwerk von Widersprüchen in einem Milieu, das im weitesten Sinne für die Selbstreflexion der Gesellschaft verantwortlich zeichnet. Leider kommt dabei nicht viel mehr heraus, als das mit intellektuellem Habitus Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Was der Filmemacher nicht reflektiert, ist die Tatsache, dass sein Film als Kunstwerk selbst Teil des Spiels ist und innerhalb seines Diskurses Konkurrenz durch ein Skandalvideo erhält, das Christian seinen Job kostet und die Frage der (Selbst-)Zensur auf die Tagesordnung setzt.

Insofern ist es nicht ohne Ironie, dass „The Square“ die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen hat und so auch offiziell Teil dessen wird, was er zu kritisieren vorgibt. Eine moralische Erzählung für eine Gesellschaft, die selbstkritische Reflexion als Freizeithobby, als Spiel ohne Konsequenz betrachtet. Das Publikum, bei dem die populistische und tendenziell anti-intellektuelle Ranküne gegenüber dem hohlen Kunstbetrieb auf Gegenliebe stoßen könnte, wird „The Square“ nicht zu sehen bekommen. Manchmal ist das „Arthouse-Ghetto“ eben auch ein Glücksfall.

Ulrich Kriest, FILMDIENST 2017/21

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