Rückkehr nach Montauk

  Freitag, 09. Juni 2017 - 20:30 bis - 22:40
Treffer: 193

Montauk ist der Name eines Dorfes an der Ostspitze der Insel Long Island im Bundesstaat New York.

"I Want You" ist ein Lied von Bob Dylan. Der Text auf englisch und auf deutsch. Der Song im Original.

"Rückkehr nach Montauk" gilt als Schlöndorffs (Die Blechtrommel, Homo Faber) persönlichster Film.
Schlöndorff verband eine enge Freundschaft mit Max Frisch.
Die  «Amour fou» des Schriftstellerpaars Ingeborg Bachmann und Max Frisch bildet einen Gegenstand der Erzählung Montauk
so wie Ehe zwischen Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta (Die in dem Film als "Edelkomparsin" in der Bibliothek zu sehen ist. Siehe das Interview in der Zeit.) eine der Folien ist, auf denen der Film spielt.

Schlöndorff sagt im Berlinale Nighttalk - hier ab Minute 7 -, dass "Liebe 1962" (Originaltitel: L’eclisse) von Michelangelo Antonioni (La Notte, Blow up, Zabriskie Point) aus dem Jahr 1962 das Vorbild für diesen Film gewesen sei.
Witzigerweise sagt er dort, er habe den Film 1000-mal gesehen, verwechselt dann aber Alain Delon mit Marcello Mastroianni.
Monica Vitti hat ein Jahr zuvor in "La Notte" mit dem unvergessenen Mastroianni (La dolce vita, Achteinhalb) zusammengespielt, in "Liebe 1962" spielt sie zusammen mit Alain Delon.
"La Notte" ist der zweite Teil einer Trilogie Antonionis über das Leben moderner Paare im Europa der Nachkriegszeit. Der erste Film "Die mit der Liebe spielen" entstand 1960 und der dritte Teil "Liebe 1962" im Jahre 1962. In allen drei Filmen spielt Monica Vitti die Hauptrolle neben wechselnden Partnern.


Eintritt: 5,00 €

Deutschland/Frankreich/Irland 2017
Kinostart: 11. Mai 2017
106 Minuten
FSK: ab 0; f

Produktion: Regina Ziegler, Volker Schlöndorff, Francis Boespflug, Stéphane Parthenay, Sidonie Dumas, Conor Barry, Til Schweiger, Tom Zickler, Marc Gabizon, Christoph Liedke, Rainer Kölmel, John Keville, Mike Downey, Sam Taylor

Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff, Colm Tóibín
Literaturvorlage: "Montauk" von
Max Frisch

Kamera: Jérôme Alméras
Musik: Max Richter, Thomas Bartlett
Schnitt: Hervé Schneid

Darsteller:
Stellan Skarsgård (Max Zorn), Nina Hoss (Rebecca), Susanne Wolff (Clara), Isi Laborde (Lindsey), Bronagh Gallagher (Rachel), Niels Arestrup (Walter), Matthew Sanders (Mark McDonald), Malcolm Adams (Roderick), Robert Seeliger (Jonathan), Paul Bonin (Wally)
Central, Scope 

Porträt von Nina Hoss in der Süddeutschen Zeitung
Interview mit Susanne Wolff in der FAZ

 
Filmhomepage, WikipediaEPD-FilmProgrammkino.de, Filmgazette, alle Daten zum Film auf Filmportal.de  

Interview mit Volker Schlöndorff in der Süddeutschen Zeitung
Interview mit Volker Schlöndorff in der Zeit
Kritik von Jan Künemund im Spiegel
Kritik von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau
Kritik von Jenni Zylka im Tagesspiegel
Kritik von Bernd Haasis in der Stuttgarter Zeitung


Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.

Kurzkritik Filmdienst
Ein Schriftsteller kommt für ein Wochenende nach New York, um seinen neuen, autobiografisch gefärbten Roman vorzustellen, in dem es um eine vor Jahren gescheiterte Liebe geht. Er besucht seine einstige Geliebte, um seinen Gefühlen für sie nachzuspüren, wobei er während einer Reise mit ihr ans Meer bei Montauk mit unerwarteten Einsichten konfrontiert wird. Eine melancholische, vorzüglich gespielte und inszenierte Annäherung an existenzielle Probleme von Alter und Tod, Selbstzweifel und die Befangenheit in gelebten Rollen. Volker Schlöndorffs sehr persönliche Verbeugung vor Max Frisch bewegt sich souverän auf der unscharfen Grenze von Fiktion und Realität und setzt subtil Leben und Kunst miteinander ins Verhältnis.
Sehenswert ab 16.
Horst Peter Koll, FILMDIENST 2017/10

Trailer (95 Sekunden):



MDR - Kino Royal (4 Minuten):


Berlinale Nighttalk - Interview mit Schlöndorff auf der Berlinale (10 Minuten):


BR - KinoKino (3 Minuten):


München TV - Interviews bei der Kinopremiere (7 Minuten):



ausführliche Kritik Filmdienst
Man könne alles erzählen, nur nicht das wirkliche Leben, heißt es in Max Frischs Roman „Stiller“ (1954). Gut 20 Jahre später wich der Schweizer Schriftsteller in „Montauk“ von dieser Überzeugung ab und schrieb sein eigenes „wirkliches Leben“ auf. Nicht mehr: Ich stelle mir vor, sondern: So war es.

Dieser (vermeintliche) Widerspruch scheint Volker Schlöndorff fasziniert zu haben. Mit „Rückkehr nach Montauk“ kehrt er noch einmal zu seinem Freund Frisch (dessen Roman „Homo Faber“ er 1990 verfilmte zurück, wobei sein neuer Film erklärtermaßen keine Verfilmung der Erzählung „Montauk“, sondern allein dem Andenken Frischs gewidmet ist.

Schlöndorff geht es um jene unscharfe Grenze, an der sich „wirkliches“ Leben in Fiktion verwandelt – und umgekehrt. Und wie Frisch dreht sich auch bei Schlöndorff alles um die künstlerische „Bewältigungsarbeit“: das Erfassen existenzieller Probleme von Alter und Tod, der Selbstzweifel, die Befangenheit in gelebten Rollen, die Fehler, die man gemacht hat, was man bedauert, aber nicht mehr korrigieren kann. Schlöndorff (er-)findet dafür phänomenal schöne (mitunter fast schon zu schöne) Menschen-, Stadt- und Landschaftsimpressionen. Er schafft jenes „Ich stelle mir vor“, um Eindrücke eines (nicht unbedingt nur seines) wirklichen Lebens festzuhalten.

Mehrere lange „Monologe“ der Hauptfigur, des Schriftstellers Max Zorn, geben dem Film Halt und umspielen die permanente Ambivalenz von Fiktion und Realität. Stellan Skarsgård spielt eindrucksvoll diesen Max Zorn, der verführerischer Erzähler und „verführter“ Protagonist zugleich ist. Am Anfang blickt man ihm frontal ins Gesicht, während er von seinem Vater spricht und fragt, was wichtiger sei: dass man etwas getan hat, was man später bereut, oder dass man etwas nicht getan hat und gerade dies bereut. Dann jedoch wird klar, dass Zorn „nur“ auf einer Lesung aus seinem neuesten Roman „Jäger und Gejagte“ vorträgt, der von einer vor 17 Jahren gescheiterten Liebe handelt. Was davon ist romanhafte Fiktion, was autobiografisches „So war es“ des Schriftstellers?

Zorn ist zur Präsentation des Romans nach New York gekommen, wird in literarischen Zirkeln herumgereicht, betreut von der jungen PR-Agentin Lindsey, begleitet von seiner Lebensgefährtin Clara, die in New York arbeitet und die er nach längerer Trennung wiedertrifft. Zugleich fahndet er nach einer früheren Geliebten: nach Rebecca, die Ostdeutschland verließ, in New York Karriere als Top-Anwältin machte und die sich von ihm gar nicht finden lassen will. Zorn aber ist beharrlich, ja aufdringlich. Er will seine Erinnerungen überprüfen, spüren, ob seine Gefühle für Rebecca noch vorhanden sind – und ob sie womöglich noch etwas für ihn empfindet. Schließlich fahren beide nach Montauk, ans Meer, dorthin, wo sie sich einst geliebt haben. Und schon bald gilt für Zorn, was für Max Frisch ein Montaigne-Zitat ausdrückte: „So löse ich mich auf und komme mir abhanden.“

Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich dieser so kluge und eloquente, charmante und auch sinnliche Künstler an diesem Wochenende abhandenkommt. Während er sich als gebildeter Europäer als „Versteher“ von Kultur und Politik gibt, offenbart sich, auf welch maß- und rücksichtslosem Egoismus sein eigenes Leben fußt – und wie wenig er sich für die Frauen in seinem Leben wirklich interessiert hat. Erst Rebecca löst sich aus seinem vorgefertigten Rollenbild (das der Film optisch lange übernimmt). Sie besteht darauf, endlich sprechen zu dürfen, und konfrontiert Zorn mit ihrem eigenen Dasein, ihren enttäuschten Hoffnungen, ihrer tiefen Trauer angesichts ihres verstorbenen Geliebten.

Nina Hoss gestaltet dies bewegend zu einem intensiven Monolog, der zum Dreh- und Angelpunkt des Films wird. Rückblickend erweist sich das zuvor Gesehene als „falsch“, und alles, was danach geschieht, gewinnt einen neuen Blickwinkel. Erstmals registriert der Schriftsteller Claras (bescheidene) Lebenssituation in New York. Lange blickt die Kamera zum Abschied Lindsey hinterher, die ihren „Job machte“, indem sie Max’ Geschichte (oder der seines Romans) zuhörte, ohne dass er je etwas von ihr und ihrem Leben erfragt hätte. Schlöndorff gibt nie vor, dass sich Zorn in diesen wenigen Stunden besinnen oder gar ändern könnte. Wie Frisch geht es auch ihm eher um die melancholische Grundstimmung eines Prozesses, bei dem sich Leben und Kunst miteinander auseinandersetzen. Und bei dem sich der Mensch in dem Maße ändert, wie er altert, ohne dadurch zwingend klüger zu werden.

Horst Peter Koll, FILMDIENST 2017/10

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