Wilde Maus (Seite ist unfertig)

  Freitag, 05. Mai 2017 - 20:30 bis - 22:20
Treffer: 86

Eintritt: 5,00 €


Darsteller:
Amy Adams (Dr. Louise Banks), Jeremy Renner (Ian Donnelly), Forest Whitaker (Colonel Weber), Michael Stuhlbarg (Agent Halpern), Mark O'Brien (Capt. Marks), Tzi Ma (General Shang), Max Walker (Pvt. Miller)
Sony, Scope 

 
Filmhomepage, WikipediaEPD-FilmProgrammkino.de  

Kritik
 von Verena Lueken in der FAZ
Kritik auf Zeit.de

Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.

Kurzkritik Filmdienst
Nach der Landung von zwölf ellipsenförmigen Alien-Raumschiffen an unterschiedlichen Orten der Erde scheitern die ersten Versuche, die Signale der fremden Wesen zu entschlüsseln. Die US-Regierung schickt ein Team um eine Sprachwissenschaftlerin und einen Physiker nach Montana, das Kontakt zu den Außerirdischen herstellen und deren Absichten in Erfahrung bringen soll. Der mit großer Behutsamkeit inszenierte Science-Fiction-Film konzentriert sich ganz auf die Figurenpsychologie und erkundet stilistisch elegant erkenntnistheoretische Fragen.
Sehenswert ab 14.
Tim Slagman, FILMDIENST 2016/24

EPD 11/2016: ★★★★ (4 von 5 Sternen) - Frank Arnold

Trailer (141 Sekunden):



ausführliche Kritik Filmdienst
Alles beginnt wie ein Melodram, mit den Klischeebildern eines Melodrams. Die Kamera senkt sich langsam vor einer breiten Fensterfront, die den Blick auf einen See freigibt. Dann die Erinnerungen: Louise Banks erzählt von Momenten, die schlaglichtartig aufblitzen, gemeinsames Glück mit ihrer Tochter Hannah, gemeinsames Leid. Hannah ist an einer seltenen Krankheit gestorben. In ihrer Behutsamkeit aber trifft diese Eröffnung mitten ins Herz, in ihrer Intimität öffnet sie sich der Empathie. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis klar ist: In diesem Science-Fiction-Film nach einer Kurzgeschichte von Ted Chiang geht es nur am Rande um den Kitzel der Fremdheit und nie um das Moment der Erhabenheit angesichts gigantischer Raumschiffe. Man schaut, kurz nach der Ankunft der Außerirdischen, vielmehr Studenten ins Gesicht, die im Fernsehen die unglaublichen Nachrichten mitverfolgen. Und wie nebenbei schleicht sich die Erkenntnis ein, dass nichts in diesem Film so farbenfroh ist wie Hannahs Leben und Sterben, ja dass sich über die Gegenwart ein Schleier aus Grau und diffusem Licht gelegt hat.

Bei angestrengter Betrachtung ergäbe sich wohl, dass der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve sich schon oft mit der Verstörung angesichts des Unbekannten auseinandergesetzt hat: in dem Familiendrama „Incendies“ (2010) genauso wie in der Doppelgänger-Phantasmagorie „Enemy“ (2013) oder dem Drogenthriller „Sicario“ (2015). Doch in Wahrheit aber fühlt sich sein neuer Film wie keine seiner Arbeiten zuvor an. Er bohrt tief in der Figurenpsychologie und versucht sich schlüssig am Philosophischen. Dabei schreitet er behutsam und größenwahnsinnig zugleich voran, bindet das Gefühl an den Kosmos und die Sprache an ganz neue Wege der Erkenntnis.

Die Sprachwissenschaftlerin Louise Banks erforscht genau dies. Als überall auf der Welt ellipsenförmige Raumschiffe auftauchen, ruft das US-Militär sie nach Montana, um einen Weg zu finden, mit den Neuankömmlingen zu kommunizieren. Amy Adams spielt die Linguistin als ebenso sanften wie sanftmütigen Gegenpart zu all den Militärs um sie herum, von denen sich Forest Whitaker als Colonel Weber am meisten müht, mehr als nur einen Hauch von autoritärer Pose und Alarmbereitschaft in die langsam anlaufende wissenschaftliche Untersuchung zu bringen.

Gemeinsam mit Banks wird der Physiker Ian Donnelly beauftragt, den Motiven der Außerirdischen auf die Spur zu kommen. Ein erster Ausflug in das Raumschiff, das sich den Erdenbewohnern in regelmäßigen Abständen öffnet, endet vor einer Scheibe in einem riesigen Korridor, in dem die Schwerkraft um 90 Grad zur Seite gekippt scheint. Die Ankunft an diesem Ort ist aus ständig wechselnden Perspektiven montiert, was die Verwirrung der Menschen verdeutlicht, aber auch klarmacht, dass Wahrnehmung eine subjektive, im wahrsten Sinne des Wortes standortabhängige Sache ist. Da ist es trefflich, dass die Besucher, die bald Heptapoden getauft werden, als riesige, krakenartige Vielbeiner erscheinen, die jede Möglichkeit der raschen Identifikation mit ihnen schon durch ihr Erscheinungsbild unmöglich machen.

Banks und Donnelly haben also einiges an Arbeit vor sich, während die Kraftmeier sich in Pose werfen und die allmählichen Fortschritte der Kommunikation mit den Außerirdischen schön antiproportional mit einer wachsenden Zerstrittenheit der Menschheit einhergeht, die in Russland, China, Australien, im Sudan, Dänemark und sonstwo versucht, mit den Heptapoden in Kontakt zu treten.

Villeneuve inszeniert jenseits des bisweilen überdeutlich Moralischen mit Vorsicht und ganz nah an der Figur der Linguistin entlang, so sehr, dass sich Handlung und Psychologie in der Entschleunigung beinahe verlieren, aber dennoch genügend Raum bleibt, um nicht allzu früh hinter Banks’ großes Geheimnis zu kommen, das ein Geheimnis von Sprache und Weltwahrnehmung ist.

Tim Slagman, FILMDIENST 2016/24

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