Double Feature: "La La Land" und "Moonlight"

Freitag, 14. April 2017 - 00:01
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 Bis heute haben beide Filme zusammen sagenhafte 381 Auszeichnungen und weitere 463 Nominierungen erhalten!
 
Die Oscar 'Panne'
bei der Oscarverleihung 2017
 
Auch wenn es rein äußerlich Pannen sind, können sie dennoch perfekt choreographiert sein. Diese Panne verdient eigentlich einen eigenen Oscar  - denn Drehbuch, Regie und Schauspiel waren perfekt.
 
Viele Deutsche empfinden die OSCAR-Verleihung ja nur als dröge Pomp-Veranstaltung, bei der die Produzenten von Massenware sich gegenseitig beweihräuchern - eine durch und durch kommerzielle Veranstaltung.
 
In Deutschland wird die OSCAR-Verleihung seit Jahren von Pro7 übertragen, die aber im Rahmenprogramm übertriebenen Wert auf den roten Teppich und die Kleider der Schauspielerinnen und ähnliche Glamoureffekte legt.
 
Man muss aber dennoch im Hinterkopf behalten, dass die OSCARs von den Kreativen der Filmindustrie selbst vergeben werden, also Leuten, die selbst jeden Tag in den verschiedensten Bereichen des Films arbeiten, nicht nur von millionenschweren Produzenten und Regisseuren, sondern auch Maske, Kostüm, Drehbuch, Ton, Musiker, etc. Die Jury umfasst 6000 Mitglieder, die Preise werden also keineswegs von einem kleinen elitären Zirkel vergeben wie bei vielen Filmfestivals.
 
Die Filmschaffenden Hollywoods sind zum überwiegenden Teil eher dem liberalen bis linksliberalen Spektrum zuzuordnen, es gibt eine lange Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen der Filmindustrie und konservativen Regierungen über Werte und Moral der US-amerikanischen Filmkultur. Faktisch ist das Moderationsprogramm der OSCAR-Verleihung, je nach Moderator, daher immer auch eine, oft bissige, Selbstreflektion und befasst sich durchaus mit konfliktbehafteten Themenbereichen der amerikanischen Gegenwartskultur und -politik. Oft werden, ungeachtet der riesigen Zuhörerschaft bei der internationalen Ausstrahlung der Preisverleihung, sehr bissige Kommentare zu aktuellen öffentlichen Personen und Entwicklungen abgegeben und die Auswahl der Moderatoren, der 'Hosts', orientiert sich keineswegs maßgeblich an political correctness. Leider muss man sehr gut zeitgenössisches amerikanisch verstehen, um diese Spitzen mitzubekommen, es gibt keine Untertitel, und selbst wenn es eine Synchronisation gäbe, würden gerade diese brisanten Statements sich kaum angemessen übersetzen lassen. Die anwesenden Schauspieler verarschen sich pausenlos gegenseitig und sind angesichts des Millionenpublikums (ca. 45 Millionen) und ihrer anwesenden Kollegen gezwungen, gute Miene dazu zu machen.
 
Das diesjährige Versehen bei der Preisverleihung des besten Films beinhaltet selbst soviel inhaltliche Tragik und Komik, dass man fast einen eigenen Film daraus machen könnte. Dabei sollten gar nicht die empörten Beschwerden über einen 'Skandal' im Vordergrund stehen, die überwiegend am Folgetag die Medien dominierten, sondern die kontrastierenden und tragikkomischen Elemente bei der Verleihung selbst.
 
Die Überwachung der Stimmabgaben, Auszählung und Preisvergabe wird von der hoch "seriösen" Wirtschaftsprüfungs-Agentur  PriceWaterhouseCoopers durchgeführt, speziell seit Jahren für die OSCAR-Verleihung zuständige Mitarbeiter halten die Preise bis unmittelbar vor der Verleihung unter Verschluss, man muss sich das wirklich so vorstellen, dass die mit Aktenkoffern anreisen, die an ihre Unterarme gekettet sind. Diese beiden Mitarbeiter händigen die Umschläge hinter der Bühne noch verschlossen unmittelbar den Künstlern aus, die die Preise dann auf der Bühne bekannt geben. Die präsentierenden Künstler erfahren also auch selbst erst vor laufender Kamera, wer der Gewinner ist. In fast 90 Jahren OSCAR-Geschichte hat es dabei noch nie eine Panne gegeben.
 
Die Kategorie 'Bester Film', ist traditionell die bedeutendste Preiskategorie und wird daher auch als letzter Preis vergeben. Es ist aber kein so deutlich personalisierter Oscar wie die für beste Schauspieler oder Regie, da dieser Preis üblicherweise an das Produzententeam vergeben wird. Die Produzenten, die den Film finanzieren und steuern, stehen in der öffentlichen Wahrnehmung eines Films in der Regel eher im Hintergrund. Typischerweise treten bei der Verleihung dieses OSCARs aber nicht nur die Produzenten des Films auf die Bühne zur Entgegennahme, sondern das gesamte anwesende Team der maßgeblichen Kategorien, also auch Regisseur, Kameramann, Schauspieler, Komponisten, etc., der OSCAR für den besten Film ist also klassischerweise der 'Team OSCAR', und dieses Team liefert dann üblicherweise das jubelnde Schlussbild der Verleihungszeremonie. 
 
Die 'Panne' fand dieses Jahr also zunächst schon einmal auf dem Höhepunkt der Oscar Preisverleihung statt, es war keine unbedeutende Nebenkategorie. Dieser 'schönste Moment' der OSCAR Verleihung wurde dieses Jahr also gebrochen, aber schlussendlich doch nicht tragisch beendet, es gab ein von Zufall und Umständen nahezu perfekt choreographiertes Happy End.
 
Der Preisverleiher und Schlüsselperson der Panne war Warren Beatty, in Deutschland nicht mehr so bekannt, aber für die Amerikaner eine Film-Ikone mit hoher künstlerischer und sozial-politischer Authorität und Authentizität, Demokrat mit links-progressiver Orientierung, in der Aussenwahrnehmung vergleichbar in Deutschland vielleicht mit Götz George oder Maximilian Schell. Er hat zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent erhalten. Nun hat just dieser 'virile Macher', nachdem er gerochen hat, dass an der Verleihungsurkunde in seiner Hand etwas nicht stimmt, bei seiner Moderationspartnerin Faye Dunaway um Hilfe gesucht und dieser die Verkündung des skandalträchtigen Fehlers überlassen und dafür durchaus einigen Spott erhalten. Achten Sie in der Aufzeichnung auf seinen zunächst souveränen Bühnen-Auftritt und dann auf sein verzweifeltes Zögern und Abwarten, nachdem er merkte, dass da irgendetwas nicht stimmen kann...
Seine Partnerin, sichtlich irritiert von seinem Zögern, sogar beunruhigt, merkt nicht, dass er sie um Hilfe ersucht, und versucht den lähmenden Moment durch Entschlossenheit zu beenden, nimmt im Unterschied zu Beatty noch weniger wahr, was auf der Karte im Kleingedruckten steht und verkündet schnell entschlossen 'La-La-Land'. Nun sieht man im Gesicht Warren Beattys aber keineswegs Entsetzen, sondern Erleichterung...
 
Die Konstellation der beiden Filme, die hier gegeneinander stehen, 'La La Land' vs. 'Moonlight', könnte kaum polarisierender sein. Hier ein eskapistisches, aus der Zeit gefallenes musikgetränktes bonbonbuntes Hollywood-Spektakel, dort ein Sozialdrama über einen homosexuellen Schwarzen beim Aufwachsen innerhalb eines klassisch maskulin/machistisch geprägten sozialen Umfeldes. Dass Schwarze ungeachtet ihres kreativen Anteils am amerikanischen Film bei den OSCAR-Verleihungen notorisch vernachlässig werden, 'La-La-Land' eine ausschließlich 'weisse' Produktion ist (Schwarze treten hier nur als ewiger Stereotyp des schwarzen Jazzmusikers in Erscheinung), ist in dieser Polarisierung das Tüpfelchen auf dem i.
 
Dass hier nun auf dem Höhepunkt dieser Veranstaltung mit über einer Milliarde Zuschauern zunächst der bereits mit Golden Globes und anderen OSCARs überhäufte 'La-La-Land' gewinnt (der seine gesellschaftliche und vielleicht sogar kulturelle Irrelevanz schon selbstironisch im Titel trägt) und dann quasi deus-ex-machina der Underdog 'Moonlight' zum wahren Gewinner erkoren wird - das ist einfach ganz großes Kino.
 
Achten Sie in der Aufzeichnung nun auf diese besonderen Umstände, vor allem das zähe Hadern von Warren Beatty nach dem Öffnen des Umschlages und die sich während der ersten Dankesreden im Hintergrund langsam entwickelnde Unruhe bei der Prüfung der Umschläge. 
Aber auch auf das beherzte und entschiedene Auftreten des 'Verlierers', des La-La-Land Produzenten Jordan Horowitz , der seinen Konkurrenten von Moonlight gratuliert, statt sich in Protesten und Empörung zu ergehen.

Faye Dunaway als 'Verkünderin der Panne' ist allerdings von der Bühne verschwunden, man darf annehmen, dass Warren Beatty sich mindestens mit einem exklusiven Essen oder einem Riesenstrauß Blumen bei ihr dafür entschuldigen muss, dass er ihr den Vortritt bei dieser Peinlichkeit überlassen hat. Immerhin stellt er später noch kurz dar, wie es sich aus seiner Sicht zugetragen hat.
 
Die beiden Angestellten von Price-Waterhouse-Coopers, die die vertauschten Umschläge zu verantworten haben, sind die einzigen echten Verlierer, sie wurden, wie man so "schön" sagt 'von ihren Aufgaben entbunden', obwohl nur einer von beiden den vertauschten Umschlag tatsächlich zu verantworten hat. Auch hier dürfte der schuldige Kollege seiner unschuldigen Kollegin mindestens Blumenstrauß oder eine Essenseinladung schuldig sein...
 
 

Nachtrag:

Es gibt wahnsinnig viele kleine interessante Details in diesen paar Minuten, die einem bei wiederholtem Anschauen auffallen - in der Einleitung verweist Warren Beatty lustigerweise mit einem Seitenhieb auf die Trump fake news Debatte darauf hin, dass es in Filmen auch darum gehen müsse, 'The Truth' zu finden...
 
Die zunächst laufenden Dankesreden des La-La-Land Teams werden als Nahaufnahme gezeigt. Plötzlich sieht man, wie im Hintergrund Unruhe entsteht, Security läuft ins Bild, um die Umschläge zu prüfen. Plötzlich wechselt das Bild auf eine Totale des Saales, in der man wenige Details erkennen kann, nur noch ein Gesamtbild sieht - die Regie schaltet hier nicht weg auf Werbung oder ein Logo, sondern bleibt drauf, schützt aber die Menschen auf der Bühne durch die distanzierte Kamera, bis klar ist, was da wirklich los ist. Ich bin sicher, sobald die sich darüber im klaren waren, was dort tatsächlich abgeht, waren die nicht entsetzt, sondern begeistert von der Wendung, die die letzten Sekunden der Übertragung plötzlich bekommen, und haben dann wieder genüsslich drauf gehalten. Da wurde nichts geschnitten oder zensiert.
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