Hitlers Hollywood - Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933-1945

Hitlers Hollywood - Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933-1945

  Montag, 27. März 2017 - 19:30 bis - 21:20

Ort: Kino achteinhalb

http://www.hitlershollywood.de

Kategorien: Stefan, Dokumentarfilm, Filmgeschichte

Treffer: 410


Eintritt: 5,00 €

Deutschland 2016
Kinostart: 23. Februar 2017
105 Minuten
FSK:  ab 0; f

Produktion: Martina Haubrich, Gunnar Dedio
Regie/Buch: Rüdiger Suchsland 
Kamera: Harald Schmuck, Frank Reimann
Musik: Michael Hartmann, Henrik Albrecht
Schnitt: Ursula Pürrer
Farbfilm,  

 
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Kritik
 von Hans Riebsamen in der FAZ
Kritik von Susanne Hermanski in der Süddeutschen
Kritik von Michael Meyns in der tat

Der Filmdienst ist seit Jahren die führende deutsche Kinofilmfachzeitschrift. Da die Kritiken des Filmdiensts nicht ohne weiteres zugänglich sind, drucken wir sie hier ab, unabhängig ob sie positiv oder negativ ausfallen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, Interessierte mit hohlen Versprechungen oder plakativen Etikettierunen wie "Kunstfilm" oder "besonderer Film"  ins achteinhalb zu locken. Die wenigstens Filme erhalten vom Filmdienst eine positive Kritik. Es ist daher durchaus so, dass Filme, die dort nicht so positiv "wegkommen", ansonsten durchweg positive Kritiken erhalten haben und wir auch einige Filme "klasse" gefunden haben, die vom Filmdienst kritisch bewertet worden sind. Es ist halt eine Meinung unter mehreren, aber in der Regel eine fundierte. Die höchste Auszeichnung ist das Prädikat "sehenswert", die Altersempfehlung ist eine pädagogische.

Kurzkritik Filmdienst
Filmisches Essay über das NS-Kino, das technisch perfekt der Konkurrenz aus Hollywood Paroli bieten wollte. Dabei geht es nicht nur um die so genannten Vorbehaltsfilme, sondern insbesondere um die Unterhaltungsfilme, mit denen die Machthaber die Bevölkerung in ihrem Sinne beeinflussen wollten. Auf den Spuren von Siegfried Kracauer wird das über 1000 Filme umfassende NS-Filmschaffen als reichhaltiges Material für die Mentalitätsgeschichte durchmustert. Eine kenntnis- und enorm materialreiche Studie, die souverän einordnet und durchaus Überraschungen bereithält, auch wenn manche thesenhafte Verdichtung mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.
Sehenswert ab 16.
Ulrich Kriest, FILMDIENST 2017/4

Trailer (100 Sekunden):



Kino Royal (4 Minuten):



ausführliche Kritik Filmdienst
Nach „Von Caligari zu Hitler“, einer filmischen Verbeugung vor Siegfried Kracauer und seinem Ansatz, Filme als Material zur Mentalitätsgeschichte zu nutzen, ist es für den Filmkritiker und Filmemacher Rüdiger Suchsland nur konsequent, den historisch naheliegenden Schritt zur Analyse des NS-Films zu wagen. Über 1000 Filme wurden zwischen 1933 und 1945 in Deutschland produziert; die wenigsten davon waren offene Propagandafilme. Der NS-Film ist zumeist oberflächlich harmloses Unterhaltungskino mit Liebesfilmen, Komödien, Revue-Filmen, Melodramen oder Detektivgeschichten, die allerdings mit NS-Ideologien wie Rassismus, Militarismus oder Antisemitismus durchsetzt waren. Film diente im Dritten Reich der Propaganda und der Indoktrination auch dann, wenn sich das Kino als Ort der Weltflucht gab. Diese Filme, so Suchsland, wissen mehr, als sie wahrhaben wollen und zeigen. Und: Sie sind besser als ihr Ruf.

Nach Kracauer können Filme als Indikatoren für das kulturelle Unbewusste einer Epoche dienen, weshalb sich die immergrüne Frage stellt: „Wovon erzählen diese Filme? Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? Wovon träumten diese Deutschen?“ Ist die erste Frage vielleicht noch recht einfach zu beantworten, so wird es schwierig, wenn man die propagandistischen Absichten des NS-Kinos bedenkt und der Autor selbst provozierend davon spricht, dass man den Reichspropaganda-Minister Goebbels als den „Autorenfilmer“ jener Zeit begreifen sollte. Da dieses Statement eine rigide Beschränkung künstlerischer Freiheit im Zeichen ihrer Funktionalisierung auch als Unterhaltungskunst impliziert, stellt sich die Frage der Vermittlung um so dringlicher. Lässt Propaganda Raum für Subversion? Wer kontrolliert wie die Inhalte der Filme? Wie und wo kommen die Träume des Publikums ins Spiel?

Das ebenso ambitionierte wie kenntnisreiche, mit Zitaten von Kracauer, Benjamin, Hannah Arendt und Susan Sontag unterfütterter Film-Essay beginnt mit Gustav Ucickys Kriegsfilm „Morgenrot“ (1933) und endet mit Veit Harlans Durchhaltefilm „Kolberg“ (1945), zwei exemplarische Filme über Opferbereitschaft und „Heldentod“ fürs Volk. Zwar wurden die sogenannten „Vorbehaltsfilme“ schon öfters Gegenstand analytischer Anstrengungen, doch „Hitlers Hollywood“ zielt tendenziell aufs Ganze, nimmt die Filme von Leni Riefenstahl, Fritz Hippler und Harlan ebenso in den Blick wie scheinbar harmlosen Revuefilme und Komödien, die ihrerseits von Militarisierung und Organisierung einer Gesellschaft erzählen.
Der Dokumentarfilm geht zudem chronologisch vor und ergänzt Wochenschau-Material, um die Zeitgeschichte hinter der Filmgeschichte wenigstens zu skizzieren. Die enorme Bilder- und Informationsflut, die Filmausschnitte und deren Einordnung durch den souveränen, mal filmwissenschaftlichen, mal fast schon sarkastischen Off-Kommentar sind allerdings nur zu bewältigen, wenn man sich mit der Materie einigermaßen auskennt und man beispielsweise ahnt, dass, wenn von „Imitationen des Lebens, die wie Drogen wirken“ die Rede ist, gleich der Name Detlef Sierck fallen wird. Über Kristina Söderbaum heißt es einmal: „Irgendwann hieß Söderbaum dann Reichswasserleiche, weil sie den nekrophilen Kern der Nazis bloßlegte. Eine Männerfantasie.“ Solche thesenhaften Verdichtungen werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Wer legte hier bloß? Und um wessen Männerfantasie soll es hier gehen? Die von Söderbaum? Harlan? Goebbel? Der Deutschen? Oder distanziert sich in der Rede von der „Reichswasserleiche“ das Publikum nicht gerade vom immer gleichen Pathos des Opferganges?

Die Materialfülle scheint indes kaum zu bändigen: Auf gelungene, gleichwohl nach Vertiefung rufende Stilanalysen folgen pointiert formulierte Starporträts über die „etwas spießige Femme Fatale“ Zarah Leander oder die „Aufmunterungsmaschine“ Heinz Rühmann: „Wie viele Pirouetten hat die Röck im Dritten Reich gedreht?“ Doch der Film hält auch Überraschungen bereit, die durchaus Lust auf mehr machen: der „Gegenzauber“ (Suchsland) der Privatheit in Peter Pewas’ „Der verzauberte Tag“ (1944) oder Helmut Käutners „Unter den Brücken“ (1945), die Massenchoreografie in G.W. Pabsts „Paracelsus“ (1943), den Aufruf zur Rebellion in Hans Steinhoffs „Tanz auf dem Vulkan“ (1938), die unerhörte Modernität eines Dialogs aus Gustaf Gründgens’ „Capriolen“ (1937), die Feier des Privaten in von Volker von Collandes „Zwei in einer großen Stadt“ (1942), die erschreckende Kaputtheit der Figuren in Käutners „Große Freiheit Nr. 7“ (1944).

Nur allzu gerne würde man die Einsichten von „Hitlers Hollywood“ an den Filmen selbst überprüfen, stellt dann aber fest, dass die Zeiten, als man der „harmlosen“ NS-Unterhaltung in sonntäglichen Matinee-Veranstaltungen oder im Nachmittagsprogramm der Dritten Programme begegnete, längst vorbei sind. Wohl dem, der auf ein VHS-Archiv oder eine systematische DVD-Sammlung verfügt. Wenn in „Hitlers Hollywood“ wiederholt gefragt wird, inwieweit der NS-Film im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und in der deutschen Filmgeschichte weiterwirkte, dann findet sich hier nur eine erste Antwort in skizzierten Filmografien von Heinz Rühmann, Hans Albers oder Helmut Käutner, die die Rede von einer „Stunde Null“ hintertreiben. Die aktuelle Debatte um „Papas Kino“, ausgelöst auch durch die umfängliche Retrospektive im Sommer in Locarno, könnte hier weiteres Material liefern, falls Rüdiger Suchsland über eine Fortsetzung nachdenkt.

Ulrich Kriest, FILMDIENST 2017/4